Oktober 2009

2007 erschien in der New York Times ein Artikel, der die Vorstellungen darüber, wie Gene funktionieren und wie sie reguliert werden, grundlegend in Frage stellte.1 Hintergrund waren neue Ergebnisse der Genom-Forschung: Im internationalen ENCODE-Projekt hatte sich gezeigt, dass die Wirkungsweise von Genen wesentlich komplexer ist, als bislang angenommen.2 Die New York Times schrieb dazu:
„Die Wissenschaftler, die 1973 die Technik der Genübertragung entwickelten, errichteten ihre Innovation auf diesem mechanistischen >ein Gen - ein Protein< Prinzip. Weil die Gene im Ausgangsorganismus mit bestimmten Funktionen, mit unterscheidbaren Eigenschaften und klaren Grenzen assoziiert werden konnten, glaubten die Wissenschaftler dann, dass Gene von allen Lebewesen nahtlos und vorhersagbar in ein größeres Design eingebaut werden könnten – in eines, um das herum Produkte und Unternehmen errichtet werden konnten und das mit Patentgesetzen geschützt werden konnte. Diese Vorstellung, die jetzt in Frage gestellt wird, ist das, was ein Molekularbiologe >das industrielle Gen< nennt. „Das industrielle Gen ist eines, das definiert, besessen, verfolgt werden kann, dessen Sicherheit ausreichend überprüft ist, dessen einheitliche Funktion nachgewiesen ist und das verkauft und zurückgerufen werden kann,“ sagt Jack Heinemann(...)“(übersetzt durch testbiotech)
Das ENCODE Projekt machte noch einmal deutlich, was beim Fachpublikum bereits im Jahr 2001 für helle Aufregung gesorgt hatte: Damals wurde eine Analyse des menschlichen Erbguts vorgelegt, die zeigte, dass der Mensch nicht wie ursprünglich vermutet 100.000 Gene, sondern nur 20.000 Gene hat. Diese geringe Anzahl von Genen steht aber einigen 100.000 Proteinen gegenüber, die von diesen Genen codiert werden. Damals schrieb Craig Venter, der bei der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts eine führende Rolle spielte:3
„Die bescheidene Anzahl menschlicher Gene zeigt, dass wir woanders nach den Mechanismen suchen müssen, die die Komplexität hervorbringen, die der menschlichen Entwicklung eigen ist und die ausgefeilten Signalsysteme, die das biologische Gleichgewicht aufrecht erhalten.“ (übersetzt durch testbiotech)
Dieses Ereignis markiert einen Punkt, von dem ab die Fachwelt gerne von der Ära der Postgenomik spricht: Seit der Jahrtausendwende steht nicht mehr die Analyse einzelner DNA-Bausteine im Vordergrund, sondern die Beobachtung komplexer Funktionseinheiten und Regulationsmechanismen. Diese Sichtweise hat sich längst auch für Pflanzen durchgesetzt.
Testbiotech ist der Auffassung, dass von diesen bahnbrechenden Erkenntnissen in der Molekularbiologie viele Bereiche der Biotechnologie betroffen sind, so zum Beispiel die Anwendung der Gentechnologie an Pflanzen und deren Risikobewertung.

  1. 1. Caruso, Denise, „A Challenge to Gene Theory, a Tougher Look at Biotech“, New York Times, 1. Juli 2007, www.nytimes.com
  2. 2. ENCODE 2007, "Identification and analysis of functional elements in 1% of the human genome by the ENCODE pilot project", Nature, Vol 447, 14 Juni 2007, 799-816
  3. 3. Venter, J.C. et al (2001) The sequence of the Human Genome. Science Vol. 291: 1304-1351

Berichte & Nachrichten

Christoph Then
Oktober 2009

Über die Folgen der Ära der Postgenomik für die Gentechnik an Pflanzen.
Vorangestellt ist ein interessanter Beitrag von Evelyn Hanzig-Bätzing, Dozentin für Philosophie an der Universität Bamberg: Die neuen Grenzen des Menschlichen - Zum Paradigmenwechsel in der Biologie

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